Die Muttersprache weitergeben
Dass ihre Kinder die Muttersprache vergessen könnten — so steht es in jeder Reportage über arabischsprachige Familien hier, und so sagen es Eltern selbst. Die Angst ist berechtigt und sie ist handhabbar.
Die Angst, benannt
Sie kommt selten als Satz. Sie kommt als Moment: Das Kind erzählt der Oma etwas am Telefon, sucht ein Wort, findet es nicht, wechselt ins Deutsche, und die Oma lächelt und versteht nichts.
Dahinter steht mehr als Vokabular. Eine Sprache trägt, wer man in einer Familie ist — der Ton, mit dem man tröstet, die Sätze, mit denen gescherzt wird, die Wörter für Essen, für Nähe. Ein Kind, das sie verliert, verliert nicht Kommunikation, sondern einen Zugang zu Menschen, die es liebt.
Und die Sorge trifft zu: In Einwandererfamilien geht eine Sprache typischerweise in drei Generationen verloren. Die erste spricht sie, die zweite versteht sie, die dritte kennt ein paar Wörter. Der Bruch liegt fast immer zwischen der zweiten und der dritten, und er entscheidet sich bei Kindern in genau dem Alter, in dem deines gerade ist.
Verstehen kommt vor Sprechen
Das Wichtigste zuerst, weil es die meiste Erleichterung bringt: Ein Kind, das versteht und auf Deutsch antwortet, hat die Sprache nicht verloren.
Fachlich heißt das rezeptive Zweisprachigkeit, und sie ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. Das Kind hat den Wortschatz, es baut ihn weiter auf, es produziert ihn nur nicht. Diese Lücke zwischen Verstehen und Sprechen kann Jahre bestehen und sich dann in Wochen schließen — bei einem Sommer im Herkunftsland, bei einem Besuch der Großeltern, bei einem Cousin, mit dem sich Deutsch nicht lohnt.
Praktisch folgt daraus: Hör nicht auf, Arabisch zu sprechen, nur weil auf Deutsch geantwortet wird. Das Angebot ist es, was den passiven Wortschatz füllt. Die Antwort ist nicht die Bedingung.
Der Videoanruf mit der Oma
Wenn du aus diesem Text eine Sache mitnimmst, dann diese: Ein regelmäßiger Anruf bei jemandem, der kein Deutsch spricht, ist das wirksamste Einzelmittel, das Familien haben.
Er wirkt, weil er echt ist. Das Kind übt nicht, es will verstanden werden — von einer Person, die ihm wichtig ist und die keine andere Sprache anbietet. Das ist der Druck, der funktioniert, weil er von der Sache kommt und nicht von dir.
Fünfzig Wörter reichen dafür. Ein Kind, das benennen kann, was es isst, was es anhat und was es in der Hand hält, kann dieses Gespräch führen. Fünfzig Wörter sind ein erreichbares Ziel, und ein Bildwörterbuch ist genau dafür gebaut.
Wenn die Großeltern weit weg sind, hilft ein fester Termin mehr als ein spontaner. Sonntagvormittag, immer, zehn Minuten. Ein Kind, das weiß, dass der Anruf kommt, sammelt vorher etwas zum Zeigen — und genau dieses Sammeln ist die Übung.
Was weitergeben praktisch heißt
Es heißt nicht, dein Kind zu einem Muttersprachler zu machen, der in Damaskus durchginge. Das schafft in Deutschland fast niemand, und dieser Maßstab lässt Eltern aufgeben, bevor sie angefangen haben.
Es heißt: genug Sprache, dass die Tür offen bleibt. Genug, um mit der Familie zu sprechen. Genug, dass ein Kind sich später, mit sechzehn oder mit dreißig, entscheiden kann, weiterzumachen — und dann auf etwas aufbaut statt bei null anzufangen. Wer mit vier ein paar hundert Wörter und die Laute hat, holt den Rest auf, wenn er will. Wer nichts hat, fängt als Erwachsener von vorne an.
Konkret sind das drei Dinge: eine feste tägliche Zeit auf Arabisch, regelmäßiger Kontakt zu Menschen, die kein Deutsch sprechen, und genug verschiedene Stimmen, dass die Laute sich setzen.
Geschwister, und warum das zweite Kind weniger bekommt
In fast jeder mehrsprachigen Familie spricht das erste Kind die Herkunftssprache besser als das zweite, und das dritte spricht sie am schlechtesten. Der Grund ist nicht Nachlässigkeit der Eltern, sondern das erste Kind selbst: Es bringt Deutsch aus der Kita mit nach Hause, und ab da hören die jüngeren Geschwister ihre Vorbildsprache von einem anderen Kind.
Zwischen Geschwistern setzt sich Deutsch fast immer durch, weil es die Sprache ihres gemeinsamen Lebens außerhalb der Wohnung ist. Dagegen anzukommen ist schwer, und es lohnt sich nicht, daraus einen Konflikt zu machen.
Was wirkt, ist, die Erwachsenensprache stabil zu halten. Wenn Arabisch die Sprache bleibt, in der Eltern miteinander und mit den Kindern sprechen, hören auch die jüngeren Geschwister sie jeden Tag — nur eben von euch statt voneinander. Und Besuch aus der Familie, der kein Deutsch spricht, verschiebt das Gleichgewicht für Wochen.
Der Dialekt ist die Sprache, nicht die Abweichung davon
Manche Eltern zögern, weil sie ihren eigenen Dialekt für unsauber halten — Syrisch sei nicht richtig, Marokkanisch schon gar nicht, richtig sei Hocharabisch.
Das ist sprachwissenschaftlich falsch und praktisch schädlich. Hocharabisch ist die geschriebene Form, nicht die korrekte Form, von der die anderen abweichen. Was du sprichst, ist Arabisch — die Variante mit Millionen Sprechern, mit einer eigenen Grammatik und mit deiner Familie darin.
Es ist außerdem die einzige, die dein Kind von dir bekommen kann. Hocharabisch kann später jede Schule liefern. Das Syrisch deiner Mutter kann nur deine Familie weitergeben, und wenn ihr es nicht tut, tut es niemand.
Praktisch heißt das auch: Mischt eure Dialekte nicht künstlich zu einem neutralen Arabisch zusammen, weil ihr aus verschiedenen Ländern kommt. Ein Kind kommt mit zwei Dialekten in der Familie mühelos zurecht — es ordnet sie Personen zu, so wie es Sprachen Personen zuordnet. Was es verwirrt, ist eine Sprache, die niemand wirklich spricht.
Wo PopPond hineinpasst
PopPond gibt eurem Kind die ersten arabischen Wörter in eurem Dialekt, gesprochen von einem Muttersprachler dieses Dialekts — nicht einmal übersetzt und in einem Akzent vorgelesen. Sieben Dialekte, Hocharabisch eingeschlossen, jederzeit umschaltbar.
Es ersetzt weder dich noch die Oma. Es ist die dritte Stimme im selben Dialekt, die ein Kind in Deutschland sonst nicht hat, und ein Anlass, gemeinsam Dinge zu benennen. Ein Teil der Bücher ist dauerhaft kostenlos, ohne Konto und ohne Testphase.
Weiterlesen
- Zweisprachig aufwachsen: Arabisch und Deutsch
- Syrisch-Arabisch in PopPond
- Libanesisch-Arabisch in PopPond
- Palästinensisch-Arabisch in PopPond
- Häufige Fragen
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Jedes Wort fotografiert und von einem Muttersprachler aufgenommen, in allen sieben.
